An die Autor:innen und Unterzeichner:innen des offenen Briefes zur Unterstützung des Widerstands der Gefangenen im Iran gegen Hinrichtungen sowie an die Menschen mit wachem Gewissen der Welt:
Als Zusammenschlüsse verbannter linker Kräfte aus dem Iran senden wir Euch diesen offenen Brief, um unsererseits Eure mutige und aufklärende Initiative zu würdigen und unsere Solidarität zum Ausdruck zu bringen.
Zunächst einmal ist Euer Brief ein Versuch, den Menschenrechten und dem Leben von Gefangenen sowie all jenen Respekt zu zollen, deren Leben angesichts des gegenwärtigen Kriegsklimas von allen Seiten und aus unterschiedlichsten Gründen entwertet wird: durch das iranische Regime zur Aufrechterhaltung des Ausnahmezustands und zur gesellschaftlichen Abschreckung; durch imperialistische Machtzentren, indem Menschenleben zu bloßen Zahlen degradiert werden, um den Krieg gegen den Iran und die anhaltende militärische Intervention im Nahen Osten instrumentalisierend zu rechtfertigen; sowie durch eine Vielzahl von Kräften und Strömungen, die im Namen der Verteidigung der Unterdrückten faktisch auf der Seite von Staaten stehen. Letztere fordern aufgrund eines unzureichenden Verständnisses der Komplexität des Imperialismus und einer einseitigen Auffassung von Antiimperialismus das Verschweigen von Hinrichtungen und staatlichen Verbrechen im Iran, da sie glauben, derzeit vor einer historisch wichtigeren Aufgabe zu stehen.
Da einige von uns persönliche Haftfahrungen im Iran gemacht haben, manche das Massaker an den politischen Gefangenen im Sommer 1988 überlebten und andere in den Kämpfen gegen Gefängnis und Todesstrafe sowie in der Bewegung für Aufklärung und Gerechtigkeit („Dadkhahi“) aktiv waren, wissen wir mehr oder weniger genau, was die Erfahrung von Haft im Iran bedeutet. Angesichts der andauernden Hinrichtungswelle im Iran, die sich nach der Verschärfung des Kriegsklimas in den letzten zwei Jahren auf grauenvolle Weise intensiviert hat, verstehen wir die historische und epische Bedeutung, die dem Widerstand gegen Hinrichtungen – insbesondere aus den iranischen Gefängnissen heraus – zukommt; unter anderem im Rahmen der Kampagne „Dienstags: Nein zur Todesstrafe“, die diese Woche ihre 135. Woche vollendet hat und deren Mitglieder sich in 61 Gefängnissen des Iran diesem Widerstand durch Hungerstreiks angeschlossen haben. Daher ist Euer offener Brief aus unserer Sicht ein verantwortungsvoller Schritt, um an die Dringlichkeit der Verteidigung dieser Menschenleben und die Bedeutung des laufenden Widerstands der Gefangenen zu erinnern und diese hervorzuheben – ein Schritt, der Anerkennung, Begleitung und Solidarität verdient.
Zweitens sind wir für Eure Initiative dankbar, weil Euer offener Brief in einem historischen Kontext veröffentlicht wurde, in dem die Äußerung eines solchen Anliegens nicht nur eine radikale Analyse, sondern auch politischen und moralischen Mut erfordert. Im gegenwärtigen hochgradig polarisierten politischen und medialen Raum – auch innerhalb des linken Spektrums – werden alle dazu gedrängt, für eine der Konfliktparteien Partei zu ergreifen; andernfalls droht der Vorwurf der Anbiederung an die Gegenseite. Infolgedessen ziehen es viele vor zu schweigen, statt missverstanden oder für etwas beschuldigt zu werden , an das sie nicht glauben. Ihr jedoch habt trotz der akuten Gefahren dieses vergifteten Klimas Eure unabhängige Haltung jenseits vom vorherrschenden Denken in Dualismus und Polaritäten zum Ausdruck gebracht. Ihr habt betont, dass der Maßstab für politisches Urteilen, Handeln und internationale Solidarität der Vorrang des menschlichen Lebens und des Rechts auf Leben ist – und nicht die gegensätzlichen politischen Ansprüche der Akteure der Weltordnung.
Wir selbst sind (wie Ihr und viele andere Genoss:innen) in den letzten ein bis zwei Jahren in unserer politischen Arbeit gegen Krieg, imperialistische Aggression, Militarisierung und Repression wiederholt mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert worden: Wir würden die Auswirkungen und Funktionen der kriegsführenden Parteien gleichsetzen; wir hätten uns für ein passives, „sauberes“ Sitzen zwischen den Stühlen entschieden; oder wir würden durch unsere kritische Haltung gegenüber dem iranischen Staat ungewollt die militärische Aggression der USA und Israels relativieren oder rechtfertigen (abgesehen von beschämenden Stempeln wie „Pro-NATO-Linke“, „Pro-Zionistische Linke“, „Islamophobe“ usw.). Auf dieser Grundlage verstehen wir die Schärfe der Angriffe, die Ihr nach der Veröffentlichung Eures Briefes erfahren haben, sehr gut und bedauern diese sehr. Es zeugt von moralischem Mut und Verantwortungsbewusstsein, dass Ihr im Wissen um solche unsachlichen Angriffe nicht im sicheren Hafen bleiben, und, anders als viele Vertreter:innen radikalen Denkens dem vergifteten Klima rund um diese unheilvollen Ereignisse nicht passiv zusehen wollt.
Der besondere Wert Eurer Initiative liegt für uns darin, dass viele der Autor:innen und Unterzeichner:innen selbst aus der Tradition radikaler schwarzer Befreiungskämpfe, antirassistischer und antikolonialer Bewegungen sowie dem Kampf gegen Gefängnisse, Repression und Faschismus stammen. In einem Klima, in dem im Namen antikolonialer und antiimperialistischer Kämpfe der Wert menschlichen Lebens hierarchisiert wird – genau wie es der Logik herrschaftlicher Gewalt entspricht – und in dem ein Teil der systematischen staatlichen Morde verschwiegen oder gar gerechtfertigt wird, hat Euer Brief gezeigt, dass die Verpflichtung auf antikoloniale und antirepressive Kämpfe die Vermeidung von Widersprüchen verlangt, die zu einer Vereinnahmung durch die Logik der Herrschenden führen. Ihr habt mit diesem offenen Brief demonstriert, dass ein antikolonialer und antiimperialistischer Kampf die Treue zur Gesamtheit des Ansatzes von Frantz Fanon erfordert (und nicht nur zu selektiven Teilen davon). Fanon verteidigt zwar nachdrücklich das Recht auf Widerstand der Kolonisierten, warnt sie jedoch zugleich davor, dass sie im Prozess dieses Kampfes bereits im Voraus gescheitert sind, wenn sie sich in die Logik der Kolonisatoren einfügen.
Dieser kritische Gehalt – unser dritter Grund für diesen Brief an Euch und an alle Menschen mit wachem Gewissen – ist aus unserer Sicht von zentraler strategischer Bedeutung. Wir mussten schmerzhaft mit ansehen, wie Ansätze, die aus der Perspektive der Verteidigung der Unterdrückten mit einer staatszentrierten Logik gegen Kolonialismus und Imperialismus angetreten sind, sich de facto in bloße Reaktivität auf einem Spielfeld gefügt haben, dessen Regeln nach der Herrschaftslogik gestaltet sind. Wenn wir einen befreienden Internationalismus vorbereiten wollen, brauchen wir zweifellos einen neuen Ausgangspunkt, der auf der konsequenten Ablehnung jeglicher Herrschafts- und Unterdrückungslogik beruht (und nicht auf selektiven, klischeehaften Beispielen). Euer Brief und Eure aufklärenden Bemühungen, den Wert menschlichen Lebens bedingungslos anzuerkennen und der Praxis der Entmenschlichung von Gefangenen entgegenzutreten – zusammen mit all den Kämpfen und Kämpfer:innen, die ähnliche Anliegen und Ziele verfolgen – geben uns Hoffnung, dass die Eröffnung eines solchen alternativen Weges möglich ist: ein notwendiger und machbarer Weg, dessen prägnanter Name „Internationalismus von unten“ lautet.
Prison’s Dialogue (http://dialogt.eu/ )
migration-control.info
Flüchtlingscafé Göttingen
Anti Colonial Iran (IG: anticolonialiran)
Hydra (IG: hydra.media.iran)
Osyan Women Collective (IG: maosyangarim)
Democratic Association of Iranians in Venice (IG: assodemiraniani)
Iranische Aktivistinnen im Exil (IG: iranischeaktivistinnenimexil)
Jin* Jiyan Azadi – NRW
collectif98
Burn the Cage Campaign
Komitee zur Unterstützung der politischen Gefangenen in Iran-Berlin e.V.
Another way for Iran Collective – Montreal
Iranischdeutscher Frauenverein Köln
Collettivo Rivoluzionario Jina (crj)
Transnational Iranian Anti-Fascist Collective
Toronto-Canada Iranian Republican Association (TIRA)
International Emergency Campaign to Free Iran’s Political Prisoners Now (www.FreeIransPoliticalPrisonersNow.org)
Roja Collective Paris
Homayoun Iwani – former political prisoners in the 1980s and survivors of the nationwide massacre of political prisoners in the summer of 1988 in Iran
Nima Sabouri
Puria Pezeshki – Solidarity Reports
Hamidreza Vasheghani Farahani
Jalal Saraji
Sara Abbas
Roya Vahedi – Leftist feminist and communist
Ferdows Dini
Mohammad Ahmadian Heravi
Manouchehri – Leftist, communist-anarchist
Arya Zahedi
Soheila Mosafer – Socialist, political activist and refugee rights activist
Fereshteh Mirzaei Fard – Social activist
Mojdeh Arassi – former political prisoner, survivors of the nationwide massacre of political prisoners in the summer of 1988 in Iran
Mahmoud Khalili – Left-wing political activist and communist, contributor to Prison’s Dialogue.
Matin Sharifi
Parmida heidari
Sedigheh Haj Mohsen
Hassan Nayeb Hashem – Human rights activist
Hossein Moghaddam – Socialist united block
Sirous Kafaei – Socialist activist
Feriya Gharakhanzadeh – FIF
Ali Sattari
Ali Nadimi
Kambiz Sakhaei
Sheida Barzegar – Forum Iranischer Frauen (FIF)
Or Ben David
Ramin Khorram
Shaghayegh Tabbakh
Alireza Bagherii
Afsaneh Jahangiri
Aaron Abu-Toboul – Gegen jeden Krieg
Zaman Masoudi – Ofogh Women’s Association in Hamburg
Farrokh Ghahremani – former political prisoner, contributor to Prison’s Dialogue
Saeid Afshar
Vollständige Liste der Unterzeichner:innen hier.
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