Internationa­lismus ist kein Luxus, sondern ein Überlebens­mechanismus. Ein Gespräch mit Leila al-Shami und Oleksandr Kyselov – 22. Januar 2026

Aus WOZ

Die Welt von gestern am Abgrund: Wie lässt sich eine solidarische Vision aufbauen, die sich nicht auf die Seite eines imperialistischen Lagers schlägt, sondern auf Befreiung von unten setzt? Ein Gespräch mit der britisch-syrischen Autorin Leila al-Shami und dem ukrainischen Sozialisten Oleksandr Kyselov. Von Anna Jikhareva (Interview) und Caroline Minjolle (Foto).

WOZ: Leila al-Shami, Oleksandr Kyselov, in der internationalen Politik scheint nur noch das Recht des Stärkeren zu gelten. Dafür steht auch das WEF, das diese Woche in Davos stattfindet. Erleben wir gerade eine neue Welle imperialistischer Expansion?

Leila al-Shami: Wir steuern zweifellos auf eine multipolare Weltordnung zu, in der verschiedene Imperialismen miteinander konkurrieren. Dass ein grosser Teil der westlichen Linken nichtwestliche Formen des Imperialismus als Alternativen betrachtet und deren imperialistisches Wesen verkennt, ist traurig. Denn eine Welt, in der Imperialmächte um die Errichtung von Einflusssphären kämpfen, führt nur zu grösserer Instabilität.

Oleksandr Kyselov: Ich habe die Welle imperialistischer Konkurrenz im Kalten Krieg nicht durchlebt, fühle mich aber durchaus an sie erinnert. Natürlich bemühte sich auch der westliche Imperialismus immer um Expansion, aber zumindest versuchte man, dieses Streben mit einem Bekenntnis zum Völkerrecht zu verschleiern. Heute wird das ganze System offen infrage gestellt. Wenn Donald Trump sagt, Europa sei schwach, hat er recht: Nicht nur die Ukraine ist von den USA abhängig, auch Europa ist es. Und die russische Bedrohung ist real – zumindest für jene Gebiete in Osteuropa, die der Kreml als Teil seiner Einflusssphäre betrachtet –, während Trump versucht, seinem wichtigsten Verbündeten Grönland zu entreissen.

Al-Shami: Wir erleben derzeit den kompletten Zusammenbruch internationaler Normen, eine Politik, die im Wesentlichen durch rohe Gewalt und Macht bestimmt wird. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Russland, der Iran oder das Assad-Regime für ihre Gräueltaten in Syrien oder der Ukraine nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Die Folgen dieser Straflosigkeit lassen sich in Gaza oder Venezuela besichtigen. Das Schlimme ist ja: Der Kollaps der liberalen Ordnung bringt keine linke Alternative hervor, sondern verhilft Faschismus und Autoritarismus zur Macht.

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Die britisch-syrische Aktivistin Leila al-Shami lebt in Schottland und ist Mitautorin von «Burning Country. Syrians in Revolutions and War» (2016). Sie engagiert sich im internationalistischen Netzwerk The Peoples Want, dessen Manifest unter thepeopleswant.org/en/manifesto in diversen Sprachen verfügbar ist und demnächst auch auf Deutsch erscheint. Zudem ist al-Shami Teil des antiautoritären Medienkollektivs From the Periphery, das in Podcasts und Magazinen «Stimmen, Kämpfe und Ideen ins Zentrum rücken will, die in grossen Medien zu wenig vorkommen».

Oleksandr Kyselov stammt aus dem ostukrainischen Donezk und arbeitete früher als Datenanalyst im Büro der Right to Protection Foundation in Slowjansk, die sich um Geflüchtete kümmert. Kyselov ist Mitglied der ukrainischen sozialistischen Organisation Sozialnyi Ruch (Soziale Bewegung) und lebt seit 2021 in Schweden, wo er am Institut für Politikwissenschaft der Universität Uppsala zu Sicherheitsfragen forscht.

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