Ein Vorschlag zur Übertragung des Konzepts des „institutionellen Rassismus“ auf Antisemitismus
Das 2023 vom Bundesverfassungsgericht für nicht verfassungskonform befundene Berliner Neutralitätsgesetz hätte Lehrkräften im Schuldienst verboten, sichtbare Zeichen ihrer Religionszugehörigkeit zu tragen. Dies wurde vielfältig als eine Form des institutionellen Rassismus analysiert und problematisiert, weil es insbesondere muslimische Lehrerinnen, die Kopftuch tragen, vom Schuldienst ausschließt. Kaum thematisiert wurde in dem Zusammenhang, dass dieses Gesetz auch das Tragen sichtbarer Zeichen jüdischer Religiosität verboten hätte, wie beispielsweise die Kippa. Eine analoge Debatte, die einen institutionellen Antisemitismus konstatiert hätte, blieb aus, obgleich auch hier die christliche Normsetzung, dass Religionszugehörigkeit keiner sichtbaren Symbole bedarf, zu institutionellen Ausschlüssen führt. Damit blieb eine Chance auf gemeinsame Problematisierung dieser Praxis von Rassismus- und Antisemitismusforschung ungenutzt.
Rassismus- und Antisemitismusforschung sind in Deutschland weitgehend voneinander getrennt. Während die Rassismusforschung eng mit der Migrationsforschung verbunden ist und erst seit wenigen Jahren so viel Anerkennung erhält, dass sie auch öffentlich gefördert wird, ist die Antisemitismusforschung vor allem geschichtswissenschaftlich geprägt und bereits länger etabliert – wenn auch nicht besonders gut finanziell oder personell ausgestattet. In beiden Bereichen existieren Professuren im unteren einstelligen Bereich. Obgleich sich beide Forschungsfelder in Gegenständen wie Migration, Konstitution des „Anderen“ oder Gewalt überschneiden, werden nur selten methodologische Zugänge geteilt oder empirische Erkenntnisse miteinander diskutiert.
Mit diesem Debattenbeitrag wollen wir vorschlagen, dass sich die Rassismus- und die Antisemitismusforschung stärker aufeinander beziehen. Wir sehen darin eine Chance für einen breiteren Erkenntnisgewinn, und somit auch eine fundiertere wissenschaftliche Grundlage für den Aufbau von Interventions-, Präventions- und Bildungsprojekten. Eine engere Bezugnahme bietet zudem die Möglichkeit, sich gegen Angriffe auf kritische Wissenschaft gemeinsam zur Wehr zu setzen und Ressourcen besser zu nutzen.
Im Folgenden wollen wir:
a) auf die starke Trennung von Rassismus- und Antisemitismusforschung im deutschsprachigen Raum eingehen, b) mit der Anwendung des Konzepts des institutionellen Rassismus auf antisemitische Ausschlüsse exemplarisch zeigen, wie eine stärkere Verbindung aussehen könnte und c) diskutieren, welche praktischen Chancen, aber auch Herausforderungen, darin liegen.
Mangelnde Bezugnahme zwischen Rassismus- und Antisemitismusforschung
In den letzten Jahren hat sich eine recht konfrontative Debatte um die Frage entsponnen, in welchem Verhältnis Rassismus und Antisemitismus zueinander stehen (Arnold/Axster 2024). Die eine Seite betont die Gemeinsamkeiten und versteht entsprechend Antisemitismus als eine Form von Rassismus. Allerdings bleibt dies in der Regel ein proklamatorischer Akt: höchstens in Ausnahmefällen wird theoretisch auf die Antisemitismusforschung Bezug genommen, und empirische Arbeiten, die sowohl Antisemitismus als auch Rassismus untersuchen, gibt es kaum.[1] Die andere Seite verweist auf kategoriale Unterschiede in Inhalt, Funktion und Verfolgungspraxis. Die Debatte wird oftmals vereinfacht entlang unterschiedlicher Theorietraditionen geführt (Kritische Theorie vs. Postkolonialismus) und sie berührt auch erinnerungspolitische Forschung und Praktiken (Lindner 2023). Die Argumente beider Seiten sind bereits umfänglich ausgetauscht und münden in eine Art Diskurs-Patt, in dem sich keine Annäherung abzeichnet (Mendel/Cheema/Arnold 2022). Genuine Berührungspunkte zwischen Rassismus- und Antisemitismusforschung bestehen kaum, beide folgen vielmehr einem „methodologischen Separatismus“ (Cousin/Fine 2012: 176, s.a. Arnold 2018). Ausnahmen stellen hauptsächlich einige historische Forschungsarbeiten dar (etwa Bruns 2011, MacMaster 2000, Schüler-Springorum 2020). Dieses Diskurs-Patt verhindert einen Transfer von Theorien, Methodologien und analytischen Werkzeugen, um Minoritätserfahrungen, Ausgrenzungspraktiken und Ideologiefunktionen in ihren Unterschiedlichkeiten und Ähnlichkeiten zu verstehen.
Die akademische Trennung spiegelt sich aber auch strukturell in der Forschung wider: In der Regel existieren, wenn überhaupt, getrennte Ausschreibungen sowie unterschiedliche Forschungsinstitute, das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterhält eine Förderlinie für die Antisemitismus- und eine für die Rassismus- und Rechtsextremismusforschung. Das schürt berechtigte Ängste, dass diese beiden Felder in Hinblick auf Ressourcen gegeneinander ausgespielt werden und die ohnehin eher geringe Aufmerksamkeit für kritische Wissenschaft zwischen Rassismus- und Antisemitismusforschung geteilt wird. Ähnliches gilt für die außerschulische historisch-politische Bildungsarbeit in beiden Themenbereichen, wie auch für erinnerungspolitische Initiativen oder institutionelle Beauftragungen.
Hier findet ein zum Teil reales, zum Teil empfundenes In-Konkurrenz-Setzen statt, das wir als Wissenschaftler*innen zurückweisen sollten. Stattdessen möchten wir eine stärkere gegenseitige Bezugnahme von Rassismus- und Antisemitismusforschung vorschlagen. Wir plädieren dafür, programmatische Diskussionen etwas zurückzustellen zugunsten einer empirischen Perspektive, die anhand konkreter Gegenstände die Frage nach Ähnlichkeiten und Unterschieden stellt und damit mehr Erkenntnisse über die Funktionsweisen und Effekte der beiden Ideologien bzw. Machtverhältnisse verspricht – auch in ihrem Zusammenwirken. Im Folgenden wollen wir dies anhand eines konkreten Beispiels veranschaulichen: indem wir das Konzept des „institutionellen Rassismus“ auf Antisemitismus anwenden. Anhand dieses Beispiels sollen Möglichkeiten der Bezugnahme zwischen Antisemitismus- und Rassismusforschung reflektiert werden.
Antisemitismus jenseits von Einstellungen und Vorfällen analysieren
Im postnationalsozialistischen Deutschland ist Antisemitismus ein politisch, pädagogisch und wissenschaftlich viel diskutiertes gesellschaftliches Verhältnis. Alltagserfahrungen, die Juden:Jüdinnen mit gegenwärtigem Antisemitismus machen, sind allerdings bisher nur selten Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Die sozialwissenschaftliche Forschung hat sich vor allem mit Antisemitismus als einer Ideologie oder Weltanschauung[2] befasst, die die psychologische Funktion einer Welterklärung für ihre Träger:innen erfüllt, Unsicherheit und negative gesellschaftliche Entwicklungen auf die Figur des Juden zu projizieren (Kirchhoff 2020). Dieser Fokus auf antisemitische Denkweisen und Emotionen zeigt sich auch in quantitativen sozialwissenschaftlichen Erhebungen, die die Verbreitung dieser Projektionen in Form von antisemitischen Einstellungen messen (vgl. Zick et al 2023, Decker et al 2022).
Um Antisemitismus nicht primär als individuelle Einstellung und Handlung, sondern tatsächlich angemessen als gesellschaftliches Verhältnis zu untersuchen, reichen diese Zugänge allerdings nicht aus – darauf verweisen seit einigen Jahren wissenschaftliche Veröffentlichungen (vgl. Beyer/Liebe 2020, Schäuble 2017, Zick/Bernstein 2017) ebenso wie zahlreiche – vor allem jüdische – Stimmen aus der Zivilgesellschaft (vgl. Cazés 2022, Coffey/Laumann 2021, Gerczikow/Ott 2023). Denn zum einen geraten mit der Konzentration auf die „Täter:innen“ die Betroffenen aus dem Blickfeld. Sie werden als handelnde Akteur:innen unsichtbar, die Auswirkungen und Wirkungsweisen von Antisemitismus auf Juden:Jüdinnen werden nicht erfasst und somit auch Empathie mit von Antisemitismus Betroffenen erschwert. Zum anderen wird zu selten danach gefragt, wie Antisemitismus reproduziert wird – und zwar nicht nur als Weltbild, sondern auf der Ebene alltäglicher ausschließender Praktiken, die das Leben von Juden:Jüdinnen beschränken.
Um dies zu erforschen bietet sich das Konzept des institutionellen Rassismus an.
Lässt sich das Konzept des institutionellen Rassismus auf den Antisemitismus anwenden?
In der Rassismusforschung wird Rassismus als ein gesamtgesellschaftliches Verhältnis verstanden (vgl. Hall 1989), für dessen Aufrechterhaltung und Reproduktion Institutionen von besonderer Relevanz sind.[3] Institutionen werden in diesem Text weniger als gesellschaftlich habitualisierte Normen und Verhaltenserwartungen verstanden (vgl. Berger/Luckmann 1967), als vielmehr als staatliche Einrichtungen oder Organisationen. Forschungen zum institutionellen Rassismus fragen in der Regel danach, wie entsprechende Ausschlüsse in Institutionen so eingeschrieben sind, dass sie nicht mehr auf das Agieren individuell rassistisch eingestellter Personen zurückgeführt werden können. Es geht also nicht um einzelne Angestellte, Lehrer:innen oder Polizist:innen mit rassistischen Haltungen. Wenn rassistisches Handeln Einzelner zum Thema wird, dann vor allem in Hinblick auf die institutionellen Ermöglichungsbedingungen – indem Möglichkeiten der Beschwerde fehlen, Ermessensspielräume dieses ermöglichen oder ein Mangel an Kontrolle dazu beiträgt. Dementsprechend kommen beispielsweise organisationsspezifische Verfahrensweisen wie ethnische Markierungen in der Polizeistatistik in den Blick (vgl. End 2019). Oder es werden institutionelle Normen analysiert, wie beispielsweise die Setzung von Deutsch als einziger anerkannter Verkehrssprache in der multilingualen Schule (vgl. Dirim/Mecheril 2018; und RfM-Debatte 2023). Aber auch Gesetze, die für eine Organisation gelten oder Wissensbestände können Gegenstand der Analyse werden, etwa die unter Jobcenter-Mitarbeiter:innen geteilte rassistische Überzeugung, dass kopftuchtragende Migrant:innen für bestimmte Tätigkeiten ungeeignet seien (vgl. Graevskaia et al. 2022). Auch wertende Wir-Sie Unterscheidungen, die Institutionen vornehmen, können in ihrer Wirkung untersucht werden, wie z.B. die Einteilung in Schüler:innen deutscher und nichtdeutscher Herkunftssprache in der Berliner Schule (vgl. Karakayali und zur Nieden 2019). Diese können auch explizit und direkt formuliert sein, wenn beispielsweise das Bundeskriminalamt organisierte Kriminalität, die von als muslimisch gelesenen Menschen begangen wird, als „Clankriminalität“ bezeichnet und verfolgt. Hier wird über die Schaffung eines spezifischen Tatbestandes eine heterogene Gruppe (Menschen aus muslimisch geprägten Ländern) homogenisiert und ihr Verhalten ethnisiert (vgl. Feltes und Rauls 2020). Von institutionellem Rassismus lässt sich grundsätzlich sprechen, wenn institutionelle Verfahrensweisen das gesellschaftliche Verhältnis des Rassismus reproduzieren und absichern.
In der sozialwissenschaftlichen Antisemitismusforschung sind Institutionen bisher kaum Gegenstand der Forschung. Jedoch lassen sich vorliegende Erkenntnisse aus der Antisemitismusforschung mithilfe von erprobten Kriterien der Forschung zum institutionellen Rassismus auf die Frage hin diskutieren, inwiefern hier von einem „institutionellen Antisemitismus“ gesprochen werden kann. Dazu muss Antisemitismus als eine spezifische gesellschaftliche Praxis begriffen werden, die konkrete diskriminierende Auswirkungen auf Jüdinnen und Juden im Alltag hat (vgl. Schäuble 2017). Entsprechend ließe sich fragen: Wurde und wird auch Antisemitismus in Form von Verfahrensweisen, Werten, Normen und Wissensbeständen in Institutionen und Organisationen institutionalisiert? Diskriminieren scheinbar neutrale Gesetze und Verfahrensweisen Juden:Jüdinnen? Und wenn ja, wo und wie geschieht dies genau?
Hier liegen einige Untersuchungen vor, die sich methodologisch und hinsichtlich der Fragestellung stark unterscheiden: Für die Zeit des Nationalsozialismus ist die tiefe Verankerung von Antisemitismus in Institutionen offensichtlich. Einige wurden eigens dafür geschaffen, Juden:Jüdinnen zu identifizieren, zu enteignen, zu deportieren und zu ermorden. Aber auch nach 1945 belegen zahlreiche Studien personelle Kontinuitäten aus dem Nationalsozialismus in staatlichen Institutionen (Creuzberger/Geppert 2018), darunter dem Bundesnachrichtendienst, dem Bundeskriminalamt, der Polizei, dem Bundesinnenministerium oder dem Auswärtigen Amt. Sie geben Hinweise auf habituelle und ideologische Fortführungen antisemitischer Traditionen.
Ein aktuellerer Fall, der als institutioneller Antisemitismus interpretierbar ist, stammt aus den 1990er Jahren zu den sogenannten Kontingentflüchtlingen. Damit sind Juden:Jüdinnen aus der ehemaligen Sowjetunion gemeint, denen nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ und dem Ende der Sowjetunion die Einreise nach Deutschland im Rahmen eines Kontingents, also einer seitens der Bundesregierung im Vorhinein festgesetzten Zahl erlaubt wurde, um das durch den Nationalsozialismus zerstörte jüdische Leben in Deutschland wieder aufzubauen. Studien zum behördlichen Umgang mit jüdischen „Kontingentflüchtlingen“ deuten auf eine Ungleichbehandlung in Versorgung, Unterbringung und rechtlicher Anerkennung u.a. bei den Rentenzeiten im Vergleich zu den ethnisch-deutschen Spätaussiedler:innen aus Russland und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion hin (Weiss 2022). Denn während die Spätaussiedler:innen aufgrund internationaler Abkommen ihre im Ausland erworbenen Rentenzeiten in Deutschland anerkennen lassen konnten, ist dies für die jüdischen Kontingentflüchtlinge nicht vorgesehen. Hier handelt es sich um eine „Benachteiligung von Juden, die ohne antisemitische Benachteiligungsabsichten auskommt“ (Schäuble 2017: 561). Die daraus resultierenden sozioökonomischen Nachteile sind teilweise bis heute sichtbar.
Ein anderer Strang der Forschung befasst sich mit Diskriminierungserfahrungen von Juden:Jüdinnen in Institutionen. Für die Gegenwart verweisen quantitative sozialpsychologisch orientierte Erhebungen zu Diskriminierungserfahrungen jüdischer Menschen auf den Arbeitsplatz und die Schule als institutionelle Kontexte, in denen Antisemitismus vorrangig erfahren wird. In einer Studie mit mehr als 500 jüdischen Befragten aus dem Jahr 2017 berichtete jeweils etwa ein Drittel von Diskriminierung in Bildungseinrichtungen (Kindergarten, Schule, Ausbildungsstätte, Hochschule) und bei der Arbeit (Zick et al 2017: 17). Auch in einer Studie der „Agentur der Europäischen Union für Grundrechte” von 2013 waren Arbeitsplatz und Schule die am häufigsten genannten institutionellen Kontexte (FRA 2013: 55f.). Und mehr als die Hälfte der jüdischen Studierenden in einer aktuellen Studie hat Diskriminierung an deutschen Hochschulen aufgrund der jüdischen Religionszugehörigkeit bei anderen beobachtet, ein Drittel hat sie sogar selbst erlebt (Hinz et al 2024: 16-19).
Aber auch ein Zusammenhang von antisemitischem Wissen und Umgang mit Antisemitismus in Institutionen wurde bereits ansatzweise erforscht. Hier zeigt sich, dass das Spektrum von dezidiert antisemitischen Handlungen bis hin zu Ignoranz reicht. Qualitative Untersuchungen liegen hauptsächlich für die Institution Schule vor. So können Julia Bernstein, Marina Chernivsky, Friederike Lorenz, und Johanna Schweitzer in unterschiedlichen Studien 2020 zeigen, wie regelhaft Antisemitismus von Lehrkräften und Schulleitungen nicht erkannt oder bagatellisiert wird, jüdischen Schüler:innen davon abgeraten wird, ihr Jüdischsein offen zu thematisieren und jüdische Schüler:innen entweder nicht wahrgenommen, als Botschafter:innen gegen Antisemitismus behandelt oder als israelische Aggressor:innen diffamiert werden. Schulen verfügen zudem nicht über angemessene Verfahrensweisen, um jüdische Schüler:innen zu adressieren, auf ihre spezifischen Belange einzugehen (etwa die Wahrnehmung von Feiertagen oder die Art und Weise, wie die Shoah im Unterricht behandelt wird) oder antisemitische Angriffe zu bearbeiten. Hier zeigen sich ähnliche Mängel wie im Diskriminierungsschutz gegen Rassismus (vgl. Karakayali et al. 2024). Besonders zum Tragen kommt hier allerdings die jüdische Unsichtbarkeit im Sinne einer angenommenen „Nicht-Präsenz“ (Chernivsky et al. 2020) – die grundsätzliche Annahme, dass kaum Juden:Jüdinnen in Deutschland leben und sie darum auch nicht berücksichtigt werden müssen.
Zu der Frage, inwiefern eine christliche Normativität institutionell antisemitische Ausschlüsse produziert, gibt es bisher kaum Forschung, aber viele Hinweise: Ein aktuelles Beispiel ist ein Brief der Berliner Charité, in dem der Antrag der Jüdischen Hochschulgruppe, 2023 einen Chanukka-Leuchter aufzustellen, mit dem Hinweis auf das Neutralitätsgebot abgelehnt wurde. In dem gleichen Schreiben wird das Aufstellen eines Weihnachtsbaums damit begründet, dass es sich um ein universelles Symbol für Frieden handele.[4] Ein anderes Beispiel ist die kürzlich abgewiesene Klage gegen das regelhafte Aufhängen von Kreuzen in staatlichen Einrichtungen Bayerns (Bundesverwaltungsgericht 2023).
Häufig wird bei einem Mangel an Berücksichtigung von Juden:Jüdinnen auf deren geringe Zahl in Deutschland hingewiesen. Dieses Argument kann aus der Perspektive der Rassismusforschung allerdings nicht überzeugen, fragt diese doch danach, wie über die Schaffung eines symbolischen natio-ethno-kulturellen Wir (vgl. Mecheril 2004) das davon abweichende und abgewertete Andere bestimmt wird. Dafür ist die Anzahl in Deutschland lebender Juden:Jüdinnen unerheblich. Judith Coffey und Vivien Laumann (2021) verwenden in diesem Zusammenhang den Begriff der „Gojnormativität“, um die strukturellen Aspekte einer post-nationalsozialistischen deutschen Gesellschaft zu beschreiben, in der die dominante Position nicht-jüdisch ist und damit Jüdisches als abgewertete Abweichung erscheint.[5] Eine solche Perspektive ist vergleichsweise neu in der deutschsprachigen Debatte um Antisemitismus. Hier zeigt sich die Verwendung ähnlicher Konzepte, wie sie aus der Rassismusforschung bekannt sind. Und hier zeigt sich, dass eine gegenseitige Bezugnahme zwischen Antisemitismus- und Rassismusforschung ein wichtiger Impuls sein kann.
Möglichkeiten des Konzepts des institutionellen Antisemitismus
Gleichzeitig wird deutlich, dass der bisherige Forschungsstand zentrale Fragen noch nicht beantworten kann: Was für Erfahrungen verbergen sich hinter den Angaben von Juden:Jüdinnen, die beispielsweise am Arbeitsplatz Diskriminierung erleben? Lassen sich antisemitische Wissensbestände in Organisationen rekonstruieren? Und wenn ja, wann und wie werden diese handlungsleitend? Wird Antisemitismus in der Antidiskriminierungs- und Diversitätsarbeit von Institutionen berücksichtigt?
Die weitere Beforschung dieser und anderer Fragen böte dann auch Anhaltspunkte für eine angemessene und wirksame Antidiskriminierungspolitik – etwa an Schulen, in Kitas, an Universitäten oder bei Behörden. Hier könnte mit dem Konzept des „institutionellen Antisemitismus“ nicht nur der Ist-Zustand erfasst werden, sondern über die Erfahrungen aus der Arbeit zu Diversität und Antidiskriminierung auch institutionelle Verfahrensweisen etabliert werden – etwa in der Beratung, bei der Einsetzung von Beauftragten, in der Besetzung von Gremien, oder bei der Berücksichtigung der möglicherweise besonderen Bedarfe von Juden:Jüdinnen. Denn Antisemitismus stellt in der – in den meisten Institutionen sich gerade erst entwickelnden und chronisch unterfinanzierten – Antidiskriminierungspraxis oftmals eine Leerstelle dar und sollte hier integral eingebunden werden. Mit einer Lösung von der schwerpunktmäßigen Betrachtung einzelner individueller „Vorfälle“ ist auch verbunden, Diskriminierungsbetroffenheit und Fragen der Repräsentation von Juden:Jüdinnen zu fokussieren, denn Diskriminierung richtet bereits weit im Vorfeld von Straftatbeständen Schaden und Leid an.
Programmatische und institutionelle Trennungen aufgeben
Umgekehrt könnte auch die Rassismusforschung von einer stärkeren Bezugnahme auf die Antisemitismusforschung profitieren. Denn Forschung zu Rassismus in Deutschland findet nicht nur in einer postkolonialen und postmigrantischen, sondern auch in einer postnazistischen Gesellschaft statt. Paradigmen aus der angloamerikanischen Rassismusforschung, wie critical whiteness, haben eine neue Perspektive in diese eingebracht. Doch der Theorietransfer in deutsche Verhältnisse bringt Schwierigkeiten mit sich, denn das Konzept der „color line“ kann die Teilung in „arisch“ und „nichtarisch“ nicht erfassen. Diese war aber ebenfalls konstitutiv für ein deutsches nationales „Wir“ – in Abgrenzung gegenüber „den Juden“ (Holz 2001). Um Rassismus in Deutschland zu verstehen, muss also auch der Antisemitismus verstanden werden und damit kann eine Rassismusforschung, die bisher vor allem Rassifizierung im Kontext des transatlantischen Kolonialismus verortet, erweitert werden (vgl. Yuval-Davis 2023). Zudem handelt es sich bei der Mehrzahl der in Deutschland lebenden Juden:Jüdinnen um Menschen mit Migrationshintergrund. Hier ist also von einer spezifischen Überlagerung von Rassismus und Antisemitismus auszugehen, und auch dafür braucht es eine spezifische Kenntnis antisemitischer Ideologie und Praxis. Eine stärkere Bezugnahme auf die Antisemitismusforschung ist auch für das Verständnis des bisher nicht ausreichend erforschten antislawischen bzw. antiosteuropäischen Rassismus unabdingbar (vgl. Panagiotidis/Petersen 2024). Dabei geht es nicht um Gleichsetzungen: Die Herausforderung besteht vielmehr in der präzisen Herausarbeitung der Unterschiede, Gemeinsamkeiten und möglichen Intersektionen zwischen Antisemitismus und verschiedenen Rassismen.
Neben all diesen analytischen Schärfungen hätte eine Überwindung der wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Trennung von Rassismus- und Antisemitismusforschung überdies den Vorteil, dass weniger Energie in den Kampf um Ressourcen und Sichtbarkeiten fließen muss. Dafür sollten wir uns einsetzen.
Literatur
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Fußnoten
[1] Eine Ausnahme stellen hier Einstellungsforschungen wie die „Mitte“- oder die „Autoritarismus“-Studien dar, die sowohl rassistische als auch antisemitische Einstellungen erheben (vgl. Zick et al. 2023, Decker et al. 2022).
[2] Hier unterscheidet sich der in der Antisemitismusforschung verwendete Begriff der Weltanschauung vom in der Rassismus- und Rechtsextremismusforschung verwendeten Begriff des „geschlossen rechtsextremen Weltbildes“, der eine umfassend rechtsextreme Einstellung beschreibt.
[3] Auch in der deutschsprachigen Rassismusforschung gab es lange eine Konzentration auf Taten und Täter:innen (siehe die Einstellungsforschungen, die lange Zeit zu den wenigen öffentlich geförderten Studien zu Rassismus zählten und nach wie vor medial stark rezipiert werden). Denn Rassismus wurde lange Zeit politisch fast ausschließlich als individuelle „Fremdenfeindlichkeit“ thematisiert. Zum anderen wird von vielen Mittelgebern nicht so sehr Grundlagenforschung, sondern viel mehr anwendungsorientierte Politikberatung erwartet (siehe z.B. der von vielen Mittelgebern erwartete Transfer von Forschungsergebnissen in eine wie auch immer geartete Praxis.)
[4] https://twitter.com/RubenGerczi/status/1733822237021536561 (Zugriff: 21.03.2024).
[5] „Goj“ ist das jiddische Wort für einen nicht-jüdischen Menschen.
Sina Arnold ist promovierte Sozialwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung sowie am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt an der Technischen Universität Berlin.
Juliane Karakayali ist Professorin für Soziologie an der Evangelischen Hochschule Berlin. Sie beforscht die Themen Migration, Flucht, die postmigrantische Gesellschaft, Rassismus, Rechtsextremismus, Bildung und Gender Studies.
Dieser Artikel erschien erstmals auf der Website des Rates für Migration.
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